Michael Wolffsohn – Keynote. Neujahrempfang, IKG-Nürnberg, 10. November 2024
- On 24 Adar 5785 – März 24, 2025
Wie so oft Existenz auf Widerruf – Das Jüdische Jahr 5784 = 2023/24
Weh, wie einsam sitzt da / die einst so volkreiche Stadt…. Sie
weint und weint
des Nachts, / Tränen auf ihren Wangen. Keinen hat sie als
Tröster / von all ihren Geliebten. Untreu sind all ihre Freunde, /
sie sind ihr zu Feinden geworden.
…Nun weilt sie unter den Völkern / und findet nicht Ruhe. All
ihre Verfolger holten sie ein / mitten in der Bedrängnis.
… / niemand pilgert zum Fest, / verödet sind all ihre Tore…..
ihre Feinde im Glück. … Ihre Kinder … fort, / gefangen…
… Kraftlos zogen sie dahin / vor ihren Verfolgern.
Die Feinde sahen sie an, / lachten über ihre Vernichtung.
… Hört doch, all´ ihr Völker / und seht meinen Schmerz: Meine
Mädchen, meine jungen Männer …in… Gefangenschaft.
Israel, 7. Oktober 2023?
Nein, Judäa, 586 vor Christus, („Altes Testament“), Klagelieder 1 – 18
- Oktober 2023, 7/10. War das an 1.200 israelischen
Zivilisten verübte Hamas-Massaker ein „Holocaust 2.0“, eine
Zäsur der israelischen oder der Jüdischen Weltgeschichte? Und ist das Pogrom von
Amsterdam am 7. 11. 2024 etwas Neues in der Jüdischen Weltgeschichte?
Leider nein, nein, nein. Jüdisches Leben war, ist und, ich fürchte, bleibt Existenz auf
Widerruf.
Der 7. 10. 2023 gehört, ebenso wie der 7. 11. 2024 zum LeiT- und LeiDmotiv
Jüdischer Weltgeschichte. Beispiele seien genannt.
1905, Nach Russlands gegen Japan verlorenen Krieg und
der gescheiterten Revolution gegen den Zaren. Issak Babel
schildert den Pogrom von Nikolajew.
Isaac Babel, Meine erste Liebe, in: Geschichten aus Odessa, München 1987, S. 26ff
„Ein Haufen gedungener Mörder plünderte den Laden
meines Vaters und tötete meinen Großonkel Schojl… Kusma
führte mich zu den Rubzows. Auf das Tor der Rubzows war mit
Kreide ein Kreuz gezeichnet. Ihnen tat man nichts; sie hatten
meine Eltern versteckt…. Und Wlassow schrie in großer
Verbitterung gegen den alten Gott, der nur mit den Juden Mitleid
habe.. Dort vorne, an der Ecke des Fischmarkts, zertrümmerte
der Pöbel unseren Laden,, warf Kisten voll Nägel und Werkzeug
auf die Straße und auch mein neues Porträt in der
Gymnasiastenuniform.
Leuchtschrift: Isaac Babel, Erwachen, in: Geschichten aus
Odessa, a.a.O., S. 23
Kusma … zog aus den Hosentaschen meines Großonkels
(Schojl) zwei Hechte. Die Leute hatten (ihm) zwei Hechte
hineingesteckt, den einen in die Hosenöffnung, den anderen in
den Mund. Und obwohl der Großonkel schon tot war, lebte einer
der Hechte noch und zitterte.
Genug? Leider nein.
Wie im nennchristlichen Abendland, war das Los der
Juden im Morgenland letztlich Existenz auf Widerruf.
Mai 1941, arabischer Aufstand gegen die britische Kolonialmacht mit ns-deutscher
Hilfe. Britische Soldaten schlagen den Aufstand nieder. Die Drahtzieher, Raschid Ali
al Gailani und der palästinensische Großmufti von Jerusalem, Haj Amin el Husseini,
fliehen nach Hitler-Deutschland. Ihnen wird Asyl gewährt.
Bagdad, 1. und 2 Juni 1941, Farhud, der Pogrom an den Juden Bagdads, Deutscher
Bundestag,Wissenschaftliche Dienste, Berlin 2007, S. 8
Auch Polizisten und Soldaten waren am Pogrom beteiligt
und wurden weder vom zurückgekehrten Regenten noch vom
Chef der Bagdader Polizei noch vom Gouverneur Bagdads oder
vom Kommandanten der Armeedivision, die in Bagdad
stationiert war, daran gehindert … auch die britischen Truppen,
die außerhalb der Stadt Halt machten, ließen das Massaker
geschehen.
Bagdad, Mai 1941 oder Amsterdam, 7. 11. 2024? - November 1941: „Führer“ Adolf Hitler empfängt den aus dem Irak ins „judenreine“
Deutschland geflohenen Palästinenser-Führer und Islamisten Amin el Husseini in der
Reichskanzlei. Zum Dank mobilisiert Palästinenser-Führer Husseini auf dem Balkan
Muslime für die Waffen-SS. Schein und nennchristlich-islamistische Gemeinsamkeit
beim Holocaust. - November 2024. Doch besser. König Wilhelm der Niederlande sagt nicht,
kontrafaktisch wie die meisten westeuropäischen und deutschen Politiker: „AS hat
bei uns keinen Platz“, sondern: „Wir haben den Juden gegenüber im Zweiten
Weltkrieg versagt, und wir haben gestern wieder den Juden gegenüber versagt.“
Licht. Und gleich wieder Schatten, Finsternis. Und nicht anders als einst, nicht zuletzt
und vor allem bei und in der vermeintlichen Bildungselite.
Columbia University, New York City, Juni 2024
Mein Name ist Shai Davidai. Ich bin Assistenzprofessor an
der Columbia Business School. Ich bin jüdisch und israelisch.
Seit dem 7. Oktober 2023, als die Hamas mehr als 1.200 meiner
Landsleute vergewaltigte, folterte und massakrierte und mehr
als 240 weitere Menschen entführte, ist der Campus der
Columbia University eine feindselige Umgebung für Juden und
Israelis wie mich… In den letzten Monaten haben sich jüdische
Studenten an der Columbia University in ihren Wohnheimen
eingeschlossen, um Angriffen zu entgehen. Sie wurden
bespuckt, angegriffen, gemobbt und verleumdet.
Ist so etwas auch bei uns denkbar, möglich oder gar geschehen? Das sei ferne. Oder
etwa doch? Eine Umfrage des Netzwerkes Jüdischer Hochschullehrer in
Deutschland, Österreich und der Schweiz ergab im Juli 2024, dass 14 Prozent der
Befragten angaben, sie nähmen derzeit Personenschutz oder andere spezielle
Schutzmaßnahmen in Anspruch. 13 Prozent seien wegen Anfeindungen auf Online-
Lehre umgestiegen. 40 Prozent hätten Sicherheitsworkshops und Schulungen
gefordert. Jeder Dritte wünschte sich eine erhöhte Polizeipräsenz auf dem Campus.
76% beklagten ein fehlendes Sicherheitskonzept ihrer Hochschule.
S 2 Also daher „Nie wieder Opfer!“ als die zionistisch-israelische Antwort. Nach 2000
Jahren Liquidierungen von und Diskriminierungen gegen Juden. Weil Jüdisches
Leben 2000 Diaspora Jahre „Existenz auf Widerruf“ war – und ist.
Daher „Nie wieder Opfer!“ als die allgemeinjüdische und erst recht zionistisch-
israelische Antwort. Nach 2.000 Jahren Liquidierungen von und
Diskriminierungen gegen Juden. Weil Jüdisches Leben dreitausend
Jahre „Existenz auf Widerruf“ war. Rund zweitausend davon in der europäischen
Diaspora.
Dieses LeiT- und LeiDmotiv Jüdischer Weltgeschichte haben hat Zionismus und
Israel deutlicher als das Diasporajudentum erkannt, benannt und bekämpft.
Jüdisches Leben sollte sich ändern, es hat sich geändert. Es hat auch die Juden
verändert. Heinrich Heine, der deutsch-jüdische Dichter, Ruhestörer und
Lästermeister, hat es vor seiner Pro-Forma-Taufe geahnt.
Heinrich Heine, An Edom
Ein Jahrtausend schon und länger,
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest, dass ich atme,
Dass du rasest, dulde Ich.
Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Ward dir wunderlich zu Mut,
Und die liebefrommen Tätzchen
Färbtest du mit meinem Blut!
Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie Du.
Die wenigen Beispiele – es gibt unzählige mehr – bereits diese wenigen Beispiele
dokumentieren: Dreitausend Jahre Jüdischer Weltgeschichte, davon rund
zweitausend in der europäischen Diaspora, lassen sich in diesem, einen Satz
zusammenfassen: Jüdisches Leben war, ist und bleibt EXISTENZ AUF WIDERRUF.
Der Widerruf erfolgte, erfolgt und wird weiter erfolgen von der nichtjüdischen
Mehrheit gegen die jüdische Minderheit.
Daraus folgt: Es gibt in der ganzen Welt nur einen Ort, wo Juden über ihre Sicherheit
selbst bestimmen. Israel. Nur dort ist ihr Leben, ihr innerstaatlicher Schutz, nicht von
der Schutzwilligkeit oder Schutzfähigkeit der nichtjüdischen Mehrheit abhängig.
So gesehen – traurig, aber wahr – war das abgelaufene Jahr nichts Neues im
Rahmen Jüdischer Weltgeschichte. Existenz auf Widerruf ist ihre Konstante,
Entspannung und reine Lebensfreude, auch für Juden, gab und gibt es nur zyklisch,
also abschnittsweise. Mal länger, mal kürzer.
Der Zionismus versprach den Juden erstmals seit 2000 Jahren Schutz im und durch
einen Jüdischen Staat. Die IN Israel von Hamas am 7. Oktober 2023 verübte Mord-
und Blutorgie betrachten daher manche, auch vermeintlich kluge Köpfe, als
sichtbaren „Bankrott des Zionismus“.
Wer das behauptet, kennt nicht die Geschichte des Zionismus, denn: Ohne
Realismus kein Zionismus und alle Akteure des Zionismus wussten von Anfang an,
also seit 1882 oder 1897: Realistisch ist nur das Schutzversprechen nach innen,
genauer: als Minderheit nicht mehr vom unzuverlässigen Schutzversprechen oder –
können einer nichtjüdischen Mehrheit abhängig zu sein.
Machen wir uns nichts vor, und auch das hat uns das abgelaufene Jahr einmal mehr
dokumentiert: Unser Schutz steht, sagen wir es diplomatisch, auf wackeligen Füßen.
- Hick-Hack AS Resolution des Bundestags vom 6. November 2024 – nach rund
einem Jahr. - Hick-Hack um die Definition „Was ist Antisemitismus?“
IHRA (Internat. Holocaust Remembrance Alliance) – Definition
Von 11 AS-Kriterien sind 7 bezogen auf Israel. Das wird kritisiert.
Es ist jedoch offensichtlich, dass der AS heute kaum noch religiös oder
wirtschaftlich ist, sondern israelbezogen. Diasporajuden werden von den
neuen AS als 5. Kolonne Israels betrachtet.
Alternativ zur IHRA-Definition bevorzugt das westlichglobale Kultur- und
Wissenschaftsmilieu die sogenannte Jerusalem-Erklärung:
In ihrem Abschnitt C heißt es, 1) das Gründungsnarrativ Israels sei anzweifeln,
2) der Zionismus sei Siedlungskolonialismus und schließlich 3) wird Israel im
Westjordanland und mehr als nur andeutungsweise auch im Kernland
„Apartheid“ unterstellt.
Wie gesagt: Die JE wird besonders in der Welt der Wissenschaft, Kultur und
Medien geprisen. Doch man schaue auf Namen und Positionen der Autoren
und Signatoren: Eindeutig links- und wokelastig. Und wie immer willige Juden
als Alibi.
AS als Anti-Israelismus ist in diesen Kreisen EINTRITTSKARTE in den
Mainstream.
Wie im 19. Jhd. als die Taufe (Heinrich Heine) Eintrittskarte in die europäische
Kultur“ war. Es hat nicht und nichts geholfen. Spätesten in Auschwitz waren
alle Juden gleich.
Definitionen sind oft akademische Glasperlenspiele. Hier geht es nicht nur um
Worte, sondern um Sicherheit, um Menschenleben. Natürlich kann man
definitorisch den AS-Begriff viel weiter fassen, sprich: verharmlosen.
Definition bedeutet Eingrenzung. Kein Gesetz ohne Eingrenzung der zu
schützenden Raumes bzw. Inhalts. Schon die talmudischen Weisen haben
sich, wie alle Rechtsgelehrten vor und nach ihnen mit der Frage befasst: Wo
ziehen wir die Grenze bzw. den Grenzzaun? Unmittelbar vor dem zu
schützenden Raum oder weiter weg, sozusagen mit einem Puffer davor oder
dazwischen?
Da wir uns beim Neujahrsempfang einer Jüdischen Gemeinde
zusammengefunden haben, hier die Entscheidung der talmudischen Weisen,
die wir in der Mischna finden, also dem ersten Teil des Talmud.
Massechet – Traktat Berachot – Segenssprüche
Ab wann liest man am Abend das Schma, das Höre-Israel-Gebet ? Wenn die
Priester in den Tempel eintreten, um von ihrem Hebeopfer zu essen, bis zum
Ende der ersten Nachtwache. Also ungefähr mit der Erkennbarkeit des ersten
Abendsterns, also der Venus.
Dies (aber) sind die Worte von Rabbi Elieser. Die Weisen sagen, also die
Mehrheit der Rabbinen: Bis Mitternacht. Raban Gamliel sagt: Bis die
Morgenröte aufsteigt. Das bedeutet praktisch die ganze Nacht könne man das
abendliche Höre-Israel beten.
Bis Mitternacht. Der Mehrheitsbeschluss bedeutet eine enorme Verkürzung.
Und warum diese? Aus Jux und Dollerei? Nein, und ich zitiere wörtlich: Um
den Menschen vom Gesetzesübertritt zu entfernen.
Ein Puffer als Sicherung. In der Sicherheitspolitik nennt man das „Glacis“.
Nicht anders in der Gesetzgebung: Enger oder weiter fassen? Das ist hier die
Frage.
Die Bundestagsmehrheit hat sich am religionsgesetzlich, rechtshistorisch,
sicherheitspolitisch und anthropologisch Bewährten orientiert. Konkret an der
AS-Definition der IHRA. Eine durch und durch pragmatische, um nicht zu
sagen: weise Entscheidung. Weise auch im urjüdischen, talmudischen Sinne.
Vergessen wir aber nicht: Jene Bundestagsentschließung hat keine rechtliche
Bindekraft. Wird sie also ihren Zweck erfüllen. „Time will tell“. Wir werden
sehen. Hoffen wir es.
Es gefalle oder nicht, aber es stimmt: Nicht nur Union, SPD, Grüne und FDP
stimmten für die vernünftigerweise enge AS-Entschließung, sondern auch die
AfD. Dass ich mit dieser Partei „nichts am Hut habe, weiß die deutsche
Öffentlichkeit spätestens seitdem ich im Juli 2024 bei Markus Lanz den AfD-
Co-Vorsitzeden Chrupalla argumentativ regelrecht zerlegt habe.
Dankenswerterweise haben mich daraufhin AfD-Anhänger, meistens
elektronisch, massenweise mit Jauche übergossen.
Zum Kern des Problems: Ja, es gibt einen wieder starken neualten
Rechtsextremismus. Innerhalb und außerhalb der AfD.
Die amtlichen Statistiken in Deutschland sagen seit Jahren: Diie größte Gefahr
für Juden gehe von diesen neualten Rechtsextremisten aus. Doch anders als
die – machen wir uns nichts vor – kosmetisierten deutsch-amtlichen
Statistiken suggerieren, besagen seit langem wasserdichte EU-Umfragen
unter den Juden Europas, also den direkt Be- und Getroffenen, dass faktisch
erlebte verbale oder gar körperliche Gewalt gegen Juden von Muslimen verübt
werde, nämlich plus/minus 40 Prozent. Mit weitem Abstand auf Platz zwei, mit
plus/minus 24 Prozent, von Linksextremisten und erst auf Platz drei, mit
plus/minus 22 Prozent, von Rechtsextremisten.
Das bedeutet erstens: So oder so: Wer, wie seit Jahren kontinuierlich, nur den
Blick nach rechts wendet, verkennt die Wirklichkeit.
Zur antisemitischen Wirklichkeit gehören alle drei Quellen: Muslimische, Linke
und Recht. Nicht 1, sondern 3. Ja, klar, nicht alle Muslime sind Antisemiten,
aber mehr Muslime als Nicht-Muslime sind Antisemiten. Dafür gibt es zwei
empirisch nachvollziehbare Gründe. Grund 1: Nur die von Schönfärbern
bestrittene Judenfeindschaft im Koran sowie in der mündlichen Überlieferung.
Grund 2: Der Nahostkonflikt.
Das politische Gewicht der muslimischen Bürger ist bereits quantitaiv groß, es
wird noch größer. Stichwort Demografie, Bevölkerungspolitik.
Jede Demografie sagt bereits quantitativ viel über jede Demokratie, denn in
der Demokratie obsiegt die jeweils größte Zahl. Demokratie ist erstens die
Herrschaft der Mehrheit und zweitens gehört zu ihr der Minderheitenschutz.
Der wiederum hängt von der – soll ich sagen? – Gnade der Mehrheit ab.
Natürlich müssen und werden daher die mehrheitsfähigen Parteien bei uns,
wie überall, auf die Wünsche großen Bevölkerungsgruppen achten. Dabei
haben wir Juden schlechte Karten. Wir müssen uns also auch deshalb warm
anziehen.
In der europäischen Wirklichkeit von heute UND morgen gibt es die eigentlich in sich
antagonistische, also höchst widersprüchliche Allianz von Islamisten und
Linksextremisten. In Frankreich spricht man vom „Islamogauchisme“.
Sie bestand vor 2023/24, und sie wird auf absehbare Zeit weiter bestehen.
Ihre Legitimatoren findet man zuhauf in Wissenschaft, Kultur und verniedlichenden
Medien. In Deutschland, ja in der westlichen Welt ganz allgemein.
Daraus folgt: Bildung ist ein hohes Gut. Etwas Besseres und Wichtigeres gibt es
kaum. Aber, das zeigt die globale Bildungsgeschichte: Bildung im Sinne addierten
und funktionalen Wissens schützt nicht vor Unmenschlichkeit.
Bildung als Vielwissen ohne Herzensbildung ist kein Schutz des Menschen vor dem
Menschen. Der Mensch ist des Menschen Wolf, auch wenn der Wolf viel weiß.
Daraus folgt: Bildungsprogramme gegen AS sind gut, richtig und wichtig – aber alles
andere als ein Allheilmittel, wie uns Wissenschaft, Politik und Medien einreden.
In einer zerbröselnden Gesellschaft, in der auch längst die Kleinfamilie zerfällt, ist
das Erlernen von Herzensbildung noch schwerer als sonst. Mag sein, dass ich mich
irre. Hoffentlich.
Wenn die regulative Kraft der Herzensbildung fehlt, kommt dem Rechtswesen in
zweifacher Hinsicht zentrale Bedeutung zu: Erstens in der Gesetzgebung und
zweitens, noch mehr, in der Durch- und Umsetzung der Gesetze. Durchaus im
erwähnten talmudischen Sinne: Die Grenzen eng setzen, um den Menschen vom
Gesetzesübertritt zu entfernen. Das wird in den kommenden Jahren immer wichtiger.
Sie werden mir zurecht entgegenhalten: Dein Menschenbild ist pessimistisch. Du
gehst von der Grundannahme aus, der Mensch sei bösem, sei schlecht. Nein, mein
Menschenbild ist realistisch, Der Mensch ist sowohl gut als auch schlecht. Auch hier
bin ich sehr jüdisch-biblisch. Nicht nur jüdisch-biblisch, sondern auch christlich-
biblisch, denn: Nehmen Sie König David. Sowohl Juden als auch Christen sagen:
Der Messias komme aus dem Hause David. Der nicht ganz kleine Unterschied:
Christen sagen, der Messias aus dem Hause Davids sei schon gekommen. Ein
anderes Thema. Aber dieser biblische David war nicht nur ein braver Gottesknecht,
fantastischer Psalmist, Musiker und erfolgreicher König, sondern auch anfänglich
Räuberhauptmann, dann mehrfacher Ehebrecher und sogar Mörder.
Oder Petrus, der Fels, auf dem die Kirche stehe. In einer Nacht habe er seinen
Herren dreimal verraten.
Jenseits des Religiösen steckt in diesen und vielen anderen biblischen Erzählungen
unendlich viel Lebensweisheit. Eine solche: Der Mensch ist gut UND schlecht. Jeder
kann beides sein, ist beides.
Daraus folgt als Handlungsanweisung an die Politik als Gesetzgeber und –
vollstrecker: Schöne Worte, auch Entschließungen gegen AS, reichen nicht. Worte
ohne Taten sind Phrasen. Auch das ist sehr jüdisch: Der Weg zu Gott, die Halacha,
ist zu beGEHEN, zu praktizieren, indem die Gesetze und Gebote ausgeübt werden
und nicht nur ausgesprochen.
Sie haben es gemerkt: Mein Ausblick ist ebenso unoptimistisch, ich sage: realistisch
wie mein Rückblick.
Dennoch ist die Lage für uns Juden nicht ganz schlecht, wenn, ja wenn man sich in
Deutschland und im Westen allgemein, des eigenen Verstandes bedient.
Klar ist: Die modernen westlichen Gesellschaften bedürfen mehr denn je der
Innovation, also der Modernisierung. Dafür braucht man gut ausgebildete Bürger
bzw. funktionaler Eliten. Die gibt es freilich auch unter Nichtjuden, aber proportional
auch in Deutschland viele Juden. Wer uns diskriminiert oder gar vertreiben will, sägt
sich den Ast ab, auf dem er bestens sitzt.
Daraus folgt: AS ist nicht nur dumm, sondern besonders für den AS schädlich. In der
Jüdischen Weltgeschichte hat nicht nur Hitler-Deutschland diesen nicht nur
massenmörderischen, sondern auch selbstzerstörerischen Kardinalfehler begangen.
Wenn man uns nicht will, haben wir, anders als 1933ff, eine geografische und
inzwischen auch lebensqualitativ gute Alternative: Israel. Ja, dort sind wir auch
bedroht, aber nicht von innen als Juden. Dort sind wir nicht vom nicht immer guten
Willen anderer abhängig.
Wie alle westlichen Staaten braucht Deutschland loyale und friedliche Bürger. Das
waren wir Juden, das wir Juden, das werden wir immer sein. Schon der Prophet
Jeremias hatte die Juden Babylons dazu aufgefordert.
Landesrecht gilt. „Dina de malchuta“. Seit Jahrtausenden gehört diese Maxime zum
diasporajüdischen Selbstverständnis. Wir waren, sind und bleiben gesetzestreue
Bürger. Wenn ich mir die Kriminalstatistik hierzulande anschaue, spricht das nicht
gegen uns Juden. Wir bauen keine Parallel- oder gar Gegengesellschaft.
Und braucht Deutschland für seine innere wie äußere Sicherheit nicht auch
israelischen good will über deutschjüdischen good will? Konkret: Braucht
Deutschland nicht die israelische Raketenabwehr und Drohnen? Braucht
Deutschland bei der Prävention von und Reaktion auf Terror israelische und natürlich
amerikanische Hilfe?
Womit wir bei Donald Trump wären. Wahrlich als Person und Politiker kein
angenehmer Mensch. Aber ist er nicht, recht besehen, die Quittung, die uns die
Mehrheit der US-Bürger nach jahrzehntelangem Ärger präsentiert? Sie sind es leid,
unsere äußere und innere Sicherheit zu garantieren und weitgehend zu finanzieren,
während wir das dabei Ersparte investieren und profitieren? Natürlich gefällt uns
Deutschen das US-Drehbuch ohne Trump besser. In jeder Hinsicht, besonders in
dieser.
Trumps Verhältnis zu Minderheiten ist inakzeptabel. Das bisherige deutsche ist
historisch und psychologisch ebenso sympathisch wie verständlich, aber in der
Realität selbstzerstörerisch. In Deutschland besteht man zu wenig darauf, dass die
hier demokratisch verabschiedeten Gesetze nicht nur auf dem Papier zu stehen
haben, sondern auch durchgesetzt werden. Strafverfolgung darf nie Verfolgung
aufgrund von Herkunft, Religion, Rasse und so weiter sein oder werden. Aber Straftat
ist Straftat und ist zu bestrafen – unabhängig von Herkunft, Religion und so weiter.
Ich bin nur ich und kein Repräsentant der Jüdischen Gemeinschaft. Aber als Kenner
der Jüdischen und allgemeinen, besonders auch der Deutschen Geschichte sage ich
Ihnen allen: Ein freundschaftliches oder zumindest friedliches Miteinander ist nicht
nur für uns Juden gut, sondern nicht zuletzt auch für alle Nichtjuden, in Deutschland
und woanders. Nicht „nur“ uns Juden, auch den Judenfeinden hat die
Judenfeindschaft immer nur geschadet. Dagegen ist Freundschaft, ist Brüderlichkeit,
sowohl den Judenfreunden als auch uns Juden bestens bekommen.
„hine matov u ma naim, schwet achim gam jachad. Wie gut ist es, wenn man
brüderlich zusammenkommt. In diesem Sinne schana towa, ein gutes Neues Jahr!